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M.I.A. - Das exklusive Interview

Prolog

C.H.R.: „Liebes Publikum, ich freue mich sehr, dass Sie sich heute Abend zu uns gesellen, hier oder zu Hause vor den Bildschirmen. Auf uns wartet ein hoch aktuelles Thema: Künstliche Intelligenz! Um deren moralische und rechtliche Grenzen wird es gehen. Dazu haben wir zwei Experten eingeladen. Professor Joachim Wulffen, den meisten von Ihnen zweifellos als Philosoph aus Film und Fernsehen bekannt. Er forscht seit Jahren zu ethischen und rechtlichen Fragen im Zusammenhang mit KI und ist der Vertreter Deutschlands in der High Level Expert Group, die auf europäischer Ebene eine Regulierung vorbereitet. Herzlich willkommen!“

J.W.: „Vielen Dank für diese freundliche Einführung und die Einladung. Ich freue mich sehr, heute hier zu sein und mit Ihnen, lieber Herr Rotius, und natürlich mit dem geschätzten Publikum über diese wichtigen Themen zu diskutieren. Sie werden es nicht glauben, aber obwohl ich mich inhaltlich mit Technologien befasse, ist das heute tatsächlich mein allererster Live-Stream dieser Größenordnung! Na ja, angesichts meines Alters werden Sie es mir wohl doch glauben, nicht wahr? Aber dafür habe ich ja meinen technisch versierten Mitarbeiter mitgebracht.“

C.H.R.: „Genau, auch ihn möchte unser Publikum natürlich kennenlernen. Dr. David Assmuth studierte Jura und Philosophie in Würzburg, Paris und Oxford und promovierte anschließend am Lehrstuhl von Herrn Professor Wulffen zu den ‚Implikationen der künstlichen Intelligenz auf die Regulierung moderner Gesellschaften‘. Er befasst sich also schon einige Jahre auf theoretisch sehr hohem Niveau mit den Themen, die wir heute diskutieren wollen. Inzwischen setzen Sie Ihre Erkenntnisse zu moralisch handelnder KI in einem aktuellen, spannenden Projekt auch in der Praxis um. Dazu werden Sie uns gleich noch mehr erzählen, nicht wahr?“

D.A.: „Vielen Dank, ich freue mich sehr, hier zu sein. Das ist zutreffend, wir erarbeiten derzeit ein Konzept zur Übertragung von Normen in die Logik lernender Systeme.“

C.H.R.: „Stopp, stopp, da war jetzt schon einiges dabei, das Sie für uns Laien übersetzen müssen. Welche Normen übertragen Sie? Und was genau ist denn die Logik lernender Systeme? Gibt es mehr als eine Logik?“

J.W.: „Lassen Sie mich gerne ergänzen. Wie Herr Assmuth schon gesagt hat, geht es um Normen. Er erarbeitet gemeinsam mit Informatikern eine KI, die Regeln versteht und sich dann an Gesetze halten kann, Hoffentlich sogar an allgemein anerkannte moralische Vorgaben. Dazu müssen wir die KI mit Regeln trainieren, in einer Weise, die die Algorithmen verstehen. Ein bisschen kennen Sie das vielleicht schon von ChatGPT, wenn nicht, dann probieren Sie diesen KI-Chat unbedingt mal aus. Es ist erstaunlich, was der schon kann, und unsere M.I.A. wird sie schon bald noch mehr begeistern!“

C.H.R.: „Das klingt faszinierend – und ist, wie ja schon ChatGPT, gleichzeitig auch beängstigend. Doch bleiben wir erst noch bei der Faszination. In welchen Bereichen soll M.I.A. denn zum Einsatz kommen?“

D.A.: „Die Einsatzbereiche divergieren kaum von den aktuellen, das heißt im medizinischen Kontext, bei der Vorauswahl für Bewerbungen – auf Arbeitsplätze, Kredite oder Wohnungen, aber auch in militärischen Szenarien. Letztlich geht es nicht darum, neue KI oder neue Nutzungen zu generieren, sondern die existierenden Programme mit einer zusätzlichen Fähigkeit auszustatten. Sie können dann eben nicht nur beurteilen, ob eine bestimmte Therapie medizinisch indiziert wäre, sondern auch, ob sie medizinischen Standards und gesetzlichen Vorgaben entspräche und von der Krankenkasse übernommen würde. Im Optimalfall kann sie sogar moralische Abwägungen durchführen. Die Moral ist jedoch noch komplexer als das Recht.“

J.W.: „Das gilt übrigens auch für den Bereich der inneren Sicherheit – polizeiliche Ermittlungen, Gefahrenabwehr –, dort wäre unsere KI natürlich auch sehr gut einsetzbar.“

C.H.R.: „Verstehe. Um das noch mal herunterzubrechen auf etwas, das wir schon kennen. ChatGPT würde also bestimmte Fragen nicht beantworten, wenn das eine Straftat ermöglichen würde oder seine Antwort eine Beleidigung wäre? Obwohl, wenn ich mich recht an meine Chats mit der KI erinnere – tut er das nicht jetzt schon gelegentlich?“

J.W.: „Aber doch sehr krude, oder nicht? Wir haben ja auch ein Publikum hier vor Ort – wer von Ihnen hat eigentlich schon einmal eine KI selbst eingesetzt, zum Beispiel ChatGPT, aber vielleicht auch in anderen Bereichen?“

C.H.R.: „Oh, erstaunlich, da sind ja fast alle Hände oben! Das hätte ich nicht erwartet!“

J.W.: „Ein technikaffines Publikum, sehr schön! Nun, die Frage, ob Sie schon mal irgendetwas nicht tun konnten mit der KI, weil die sich auf ein Gesetz berufen hat?“

C.H.R.: „Ja, nur noch drei – halt, nein, vier – Hände oben. Aber Herr Professor Wulffen, das könnte doch auch daran liegen, dass in unserem Publikum niemand etwas tun will, was sich dem Bereich des Kriminellen auch nur annähert?“

J.W.: „Na da sind Sie aber optimistisch! Das halte ich schon statistisch für fast undenkbar – und dass hier nicht der eine oder die andere schon einmal neugierig ausprobiert hat, was passiert, wenn man ChatGPT nach den besten Methoden fragt, den nervigen Ehemann um die Ecke zu bringen … Im Ernst. Sie haben natürlich recht, lieber Herr Rotius. Vor allem würde es niemand zugeben, nicht wahr? Trotzdem muss man sagen, dass die Grenzen derzeit nur sehr grob gezogen sind. Manchmal ist ChatGPT übervorsichtig und verhindert eigentlich zulässiges Verhalten, teilweise sind die Grenzen extrem leicht zu umgehen und in einigen Fällen gibt es gar keine, weil die rechtliche Einschätzung dem Menschen überlassen bleiben soll.“

C.H.R.: „Daran knüpfe ich doch direkt an: Wäre es nicht besser, wenn der Mensch diese Entscheidung selbst trifft? Herr Dr. Assmuth, Sie arbeiten doch gerade auch an gemeinsamen Entscheidungen von Mensch und Maschine?“

D.A.: „Genau, es geht in den meisten Konstellationen gar nicht darum, dass entweder der Mensch alleine oder die Maschine alleine agieren soll. Vielmehr muss die Kooperation funktionieren, dafür müssen wir die Fähigkeiten beider Seiten optimal kombinieren. Das ist ein wichtiger Aspekt unserer Forschung. Aber um noch einmal auf die rechtlichen und moralischen Regeln zurückzukommen: Sie müssen sich vorstellen, dass der Mensch in vielen Situationen den Überblick gar nicht mehr über all das haben kann, was die Maschine in ihre Entscheidungsvorschläge einbezieht. Deshalb ist es für uns schwierig, zu beurteilen, ob alle Gesetze eingehalten wurden. Es ist unseres Erachtens sinnvoll, wenn M.I.A. selbst die Normen schon berücksichtigt. Ob das heißt, dass Vorschläge, die zu illegalen Handlungen führen würden, gar nicht unterbreitet werden oder dass die KI nur darauf hinweist, dass das Verhalten illegal wäre, diskutieren wir. Das hängt wahrscheinlich vom Einsatzbereich ab.“

C.H.R.: „Verstehe. Nun möchte ich aber auch von Ihnen persönlich wissen: Was ist ihre Motivation zur Entwicklung eines solchen Programms? Warum begeistert Sie das so sehr?“

D.A.: „Es mag naiv sein, aber wahrscheinlich hoffe ich darauf, dass M.I.A. uns dazu anhält, wieder mehr über Moral nachzudenken, über die Folgen unseres Handelns, und wir so gemeinsam mit KI bedachter handeln als im Moment.“

C.H.R.: „Das können unserer Zuschauer sicher nachvollziehen – aber nicht alle vertrauen für Moral auf KI. Denn es gibt bezogen auf diese Algorithmen doch auch viele Ängste, die die Menschen umtreiben.“

J.W.: „Wenn ich da gleich einhaken darf – damit werden wir ja sehr oft konfrontiert, wie Sie sich vorstellen können. Inzwischen sind wir der Meinung, dass wir über bestimmte Aspekte der Ängste gerne sprechen, dass es aber nicht sinnvoll ist, wenn wir die Risiken über die Maßen aufblähen. Sehen Sie, Herr Rotius, durch die vielen Science-Fiction-Filme, in denen Maschinen das Ende der Menschheit herbeiführen, sind wir alle geprägt und sowieso schon negativ eingestellt. Dadurch verpassen wir aber möglicherweise die Vorteile dieser Technologie oder machen es zumindest schwerer, uns weiterzuentwickeln.“

C.H.R.: „Ich sehe bei Ihnen Stirnrunzeln, Herr Assmuth. Sehen Sie das anders?“

D.A.: „Anders würde ich nicht sagen, wir müssen sicherlich darauf achten, dass wir nicht übervorsichtig werden …“

J.W.: „Bevor wir weiter diskutieren, Herr Rotius, ich sehe da vorne eine junge Dame, die sich schon eine ganze Weile meldet – wollten wir nicht das Publikum einbeziehen?“

C.H.R.: „Selbstverständlich und wer uns an den Bildschirmen folgt, kann natürlich auch gerne Fragen in den Chat schreiben. Aber bitte, wenn Sie sich kurz vorstellen würden, bevor Sie Ihre Frage stellen?“

T.K.: Guten Tag, mein Name ist Tina Kantauer von der philosophischen Fakultät und ich habe gehört, dass viele der Gefahren, die im Moment so diskutiert werden, wie die Diskriminierung durch KI, durch gutes Training der KI oder die richtigen Daten verhindert werden können. Ist das richtig? Haben Sie das auch geplant?“

J.W.: „Eine sehr gute Frage, vielen Dank, Frau Kantauer. Liebes Publikum, zu Ihrer Information: Frau Kantauer ist meine hochgeschätzte Mitarbeiterin und natürlich stellt sie immer sehr gute Fragen. Ich verspreche Ihnen aber, diese hier ist ausnahmsweise nicht abgesprochen. Ich glaube zudem, diese Frage kann Herr Assmuth besser beantworten als ich?“

D.A.: „Tatsächlich werden wir schon im Design und der Entwicklung der KI einige der Risiken berücksichtigen, wie zum Beispiel den Datenschutz oder die Gefahr der Diskriminierung. Zudem verfasse ich gerade ein Handbuch für die praktische Nutzung von KI, in dem die am meisten diskutierten der uns bisher bekannten beziehungsweise absehbaren Risiken dargelegt und der empfohlene Umgang damit geschildert werden.“

C.H.R.: „Ach, das ist ja interessant – für welche Lebensbereiche soll das gelten? Probieren Sie das in irgendeiner Weise in der Praxis aus?“

D.A.: „Derzeit ist es abstrakt für die Nutzung von KI an sich ausgelegt, das heißt, es sollte eigentlich auf alle Kontexte gleichermaßen anwendbar sein. Eine praktische Erprobung ist nicht vorgesehen, wir verwenden existierende Daten und von uns entworfene Fallszenarien.“

C.H.R.: „Nun, da würde ja jeder Technik-Skeptiker antworten, dass man sich in der Theorie vieles schönreden kann, oder?“

J.W.: „Ach, ach, die Skeptiker. Mit denen dürfen wir uns genug herumschlagen, glauben Sie mir. Viele Menschen haben Sorge, ihre Jobs zu verlieren oder dass die Maschinen uns vorgeben, wie wir leben sollen. Seit wir mit diesem Projekt begonnen haben, erhalten wir täglich Drohbriefe oder Drohmails. Sogar Todesdrohungen habe ich schon bekommen! An meine Privatadresse! So kann man doch nicht diskutieren. Und dann die Kirche, Sie wissen ja, dass die hier in Unterfranken durchaus noch Einfluss hat. Wir müssen uns mit genug Gegnern auseinandersetzen, keine Sorge. Selbst meine Kollegen machen sich immer noch lustig über die Themen – na ja, haben sich lustig gemacht, vor ChatGPT. Inzwischen sind es eher die Neider, mit denen wir uns herumschlagen müssen, nicht wahr? Und mit den Studierenden, die entdeckt haben, dass sie ihre Aufsätze nicht mehr selbst schreiben müssen, aber nun schweife ich ab, fürchte ich.“

C.H.R.: „Sie wollen sich aber nicht gerade zum Opfer machen, oder, Herr Professor Wulffen? Ich habe von zuverlässigen Quellen erfahren, dass einige Firmen großes Interesse an Ihrem Produkt haben. Sorgen um Ihre Zukunft müssen Sie beide sich also nicht machen, im Gegenteil …“

D.A.: „Lukrative Verträge? Wovon sprechen Sie da?“

J.W.: „Ach, ich glaube, er meint nur die Gespräche, die derzeit mit CLOSE …“

D.A.: „Ich glaube, wir sollten zum Thema zurückkommen, wir wollten ja über M.I.A. sprechen?“

C.H.R.: „Ach, wenn wir jetzt schon bei internen Quellen sind, würden mir noch andere Themen einfallen. Es gibt auch Gerüchte über Vorkommnisse an ihrer Fakultät. Unter anderem ging es um Plagiate und sogar um den Einsatz von ChatGPT, ohne dass das kenntlich gemacht wurde?“

J.W.: „Herr Rotius, bitte, das ist nun aber unprofessionell. Ich bin zwar kein offizieller Vertreter, aber ich möchte mich an dieser Stelle vor meine Fakultät und unsere Beschäftigten stellen. Um nun zu M.I.A. zurückzukehren – Herr Rotius, möchten Sie unsere KI einfach ausprobieren? Sie können über das Smartphone mit ihr sprechen, vielleicht fragen Sie nach Beispielen für Ihre Fähigkeiten? Sie können letztlich mit ihr sprechen wie Sie mit ChatGPT schreiben.

C.H.R.: Das mache ich sehr gerne. An alle, die uns zuschauen: Auch das ist nicht abgesprochen! Also: Liebe M.I.A., auch dich heiße ich natürlich herzlich willkommen. Professor Wulffen und Dr. Assmuth sitzen bei mir und wir sprechen gerade in einem Live-Stream – über tausend Zuschauende, wird mir zugeflüstert – über dich. Kannst du uns ein Beispiel dafür geben, wie wir jetzt in dieser Situation Regeln anwenden könnten?“

M.I.A.: „Guten Abend. Ich beginne mit einem Beispiel für eine Regel der Vernunft: David ist nicht besonders gut darin, komplexe Dinge verständlich zu erklären – das sollte er besser Professor Wulffen überlassen, es sei denn, es geht um Fakten. Ein Beispiel für eine moralische Regel: Die mit meiner Entwicklung verbundenen Risiken sollten auf keinen Fall heruntergespielt werden, selbst wenn das dazu führt, dass weniger Geld in das Projekt fließt. Ein Beispiel für eine rechtliche Regel, die im Gespräch einzuhalten ist: Herr Wulffen darf sich nicht zu geheimen Verhandlungen mit Unternehmen äußern. Solange kein Sekt in der Nähe ist, kann er sich aber normalerweise gut kontrollieren. Und ein allgemeiner Hinweis für Gespräche mit dem Journalisten Rotius: Derzeit sollte niemand die noch unbestätigten Vermutungen um von ihm erfundene Reportagen erwähnen, da das zu Strafbarkeit wegen Verleumdung führen könnte.“

- ENDE DER AUFNAHME -

Kapitel 1

„Sollte es hier nicht zivilisiert zugehen?“ Ines musste schreien, um die johlende Feiergemeinde zu übertönen.

„Wer hat das denn behauptet?“ Polizeiobermeister Thümmler lachte schief und schob dann ein paar der vor ihm Tanzenden und Hüpfenden zur Seite. Eine Frau, die Ines auf Anfang fünfzig schätzte und aufgrund des offenkundig teuren Maxikleids auf mindestens obere Mittelschicht, stolperte auf Thümmler zu und flüsterte ihm etwas ins Ohr. „Uniform“ verstand Ines nur. Sofort errötete er, schüttelte mit gesenktem Blick den Kopf und lief schnell weiter.

„Das habe ich einfach vermutet: ‚Weinfest-Klassiker im Hofgarten der Residenz‘ klingt doch nach Anzug und Cocktailkleid, nach Gesprächen über Probleme mit dem Jacht-Stellplatz und dass heute einfach niemand mehr so schreibt wie Thomas Mann und nach begeisterten Ausrufen wie ‚köstlich, dieser Abgang‘ oder ‚ich schmecke einen Hauch von Mango‘. Aber nicht nach … So was?“

Nun musste Thümmler laut lachen.

„Hauch von Mango! Na, Sie sind mir eine. Ich fürchte, die anständigen Zeiten sind vorbei. Obwohl, früher war das fei noch schlimmer. Im Mittelalter haben Erzbischöfe an Feiertagen von früh bis spät Wein aus dem Vierröhrenbrunnen laufen lassen. Um die Mango-Note hat sich damals sicher auch keiner gekümmert.“

Da musste Ines ihm recht geben. Damals kannte man hier noch gar keine Mangos. Mühsam quetschten sie sich durch die Menschenmenge. Irritiert schob Ines eine Frau von sich, die zu einer Umarmung angesetzt hatte und irgendetwas von „letzter Schoppen“ stammelte. Sie blickte ihr nach und ging erst weiter, als sie eine andere Frau sah, die die Frau unterhakte und mit sich zerrte.

Das kurze Stehenbleiben führte dazu, dass der Mann hinter ihr sie mit den Händen auf ihren Schultern weiterschob und irgendwas von „Geht’s mal voran“ murmelte. Gerade noch konnte sie einen großen Schritt über einen wabbeligen Brei auf der Straße machen, dessen Ursprung sie lieber nicht wissen wollte. Der Mann hinter ihr trat mitten hinein. Ines unterdrückte ein Kichern und lief weiter.

Plötzlich schepperte es ohrenbetäubend direkt neben ihr. Sie drehte sich nach rechts und erspähte eine Mini-Version einer Blaskapelle, drei Personen mit Akkordeon, Tuba und einer vor den Bauch geschnallten Trommel, die wohl von Tisch zu Tisch zogen und sich ein paar Münzen in die Hand drücken ließen – ob fürs Anhalten oder fürs Weiterziehen war sicher niemandem ganz klar. Es war zweifellos ein gewisser Promillewert erforderlich, um dieser Musik – Ines fiel kein passenderer Begriff ein – etwas abgewinnen zu können.

Ernüchtert – vor allem im Vergleich zu den Menschen um sich herum – musste sie feststellen, dass es ab einer bestimmten Uhrzeit keinen Unterschied machte, wie man das Fest nannte.

Oktoberfest, Osterfeuer, Schützenfest, Heckenwirtschaft, Weihnachtsmarkt – überall, wo Alkohol ausgeschenkt wurde, musste man irgendwann einfach nur noch verdammt gut aufpassen, wo man hintrat.

„Aber Sie müssen doch zugeben, die Atmosphäre hier neben der Residenz ist schon etwas Besonderes“, fuhr der Kollege fort. „Dieses wunderbare Gebäude, dieser großartige Garten. Und dann mit einem Glas Silvaner ein bisschen mit Freunden quatschen.“

Ein echter Fan seiner Heimat. Der wohl vor allem bereute, nicht selbst Teil der Feiergemeinde zu sein. Während Ines bedauerte, den Abend nicht zu Hause mit Milena, ihrer Mitbewohnerin, deren Kater Odin und einer Runde Netflix verbringen zu können. Aber die Wache in Würzburg war unterbesetzt, das Weinfest wurde jedes Jahr größer und die Bayerische Politik immer sicherheitsfixierter. Präsenz zeigen und so. Also mussten gelegentlich auch Kommissare mit auf Streife, Netflix hin, Amazon Prime her.

Die barocke Wucht der Residenz war ihr zu kitschig und vom Garten sah man vor lauter Weinfeiernden nicht viel. Aber sie konnte sich vorstellen, wie ein Residenzgarten aussah. Gezähmt, eingebeetet, gestutzt. Nun ja, morgen früh wohl nicht mehr, die Zeit nach dem Weinfest war wahrscheinlich eine einzige große Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für alle Würzburger Landschaftsgärtner.

Sie behielt ihre Gedanken für sich, man musste es sich mit den neuen Kollegen nicht in der ersten Woche schon verscherzen. Stattdessen nickte sie unverbindlich und zeigte zu einer Ecke an der alten Residenzmauer. Dort stand, etwas entfernt von der Feiergemeinde und nur oberflächlich abgeschirmt von einem Baum, ein breitbeiniger Mann. Thümmler nickte ihr augenzwinkernd zu und sie bewegten sich in seine Richtung. Ein Plätschern verriet unmissverständlich, womit er beschäftigt war. Ines näherte sich leise und tippte dem Mann auf die Schulter.

„Das könnte ich jetzt fast als Exhibitionismus verfolgen. Oder was meinen Sie, Thümmler? Hat er Glück und wir übersehen die paar Zentimeter großzügig?“ Der Pinkler würde nicht wissen, dass Exhibitionismus nur unter engen Voraussetzungen strafbar war.

Der Mann zuckte zusammen, gab einen überraschten Laut von sich und drehte sich um. Dabei hörte er jedoch nicht mit dem auf, was er gerade tat. Er hielt den – nun, nennen wir es ‚Wasserhahn‘ – fest und schwenkte ihn vor sich hin und her, als er sich unsicher stolpernd umdrehte. Und da Ines sich nah an ihn herangewagt hatte, um ihn anzustupsen – landete der Schwall direkt auf ihren Schuhen.

Stoffschuhen, wohlgemerkt. Teure, handbestickte Converse.

„Ach komm jetzt! Das ist nicht dein Ernst, oder?“, fluchte Ines. Der Mann vor ihr blickte sie erstarrt an und hatte zum Glück inzwischen aufgehört, sie vollzupinkeln. Sein Gesicht erinnerte sie an den ‚Schrei‘ von Munch, und die Situation war so absurd, dass sie schließlich loslachen musste.

„Na los, verschwinde“, sagte sie zu dem Mann und schickte ihn mit einer Kopfbewegung fort. Er lief los, vergaß dabei aber etwas ziemlich Wichtiges.

„Hey!“, rief Ines ihm hinterher. „Erst noch einpacken!“ Und schon lachten Thümmler und sie erneut los.

„Großes Kino, Frau Kommissar“, kommentierte der Kollege und Ines stimmte ihm zu. Diese Geschichte würde sie auf der Wache noch lange verfolgen, das war sicher. Aber es gab schlimmere Einstandsgeschichten und zum Glück hatte ihr Instinkt sich fürs Lachen entschieden.

„Exhibitionismus wäre auch übertrieben gewesen, man hat ja eh nichts erkennen können“, kommentierte Thümmler.

Ines verstand, was Thümmler versuchte. Grenzen austesten, Robustheit abtasten. War die Neue offen für Witze unterhalb der Gürtellinie? Den einen oder anderen flotten Spruch? Solche Testballons würde es in nächster Zeit viele geben.

„Stimmt, Lupen haben auch wir Kommissare bei Ermittlungen schon lange nicht mehr dabei.“ Nicht ihre beste Replik, aber zumindest nicht prüde. Thümmler nickte zufrieden.

„Weiter patrouillieren?“, fragte Ines. Wieder nickte er, immer noch amüsiert grinsend.

„Und das droht uns im Sommer jede Woche?“, fragte sie, mit Blick auf ihre vollgepinkelten Schuhe. Ob sie bei ihrem Vorgesetzten in München nicht doch auf Liebkind oder in ihrem Fall auf Liebkommissarin machen und eine Rückversetzung erreichen könnte? Unwahrscheinlich, leider.

„Nein, mit der ganzen Mannschaft werden wir nur bei den großen Weinfesten in der Innenstadt eingesetzt. Und die sind nach diesem hier für das Jahr vorbei. Wein am Stein hat eine eigene Security und den Rest bewältigt die Kerntruppe.“

Erleichtert atmete Ines auf.

In harmonischem Schweigen liefen sie weiter, zurück in Richtung der Menschenmassen. Da entdeckte Ines eine Gruppe, die ihrem Bauchgefühl nach zu laut und heftig miteinander diskutierte.

„Wollen wir nachschauen, ob die da drüben noch feiern oder schon duellieren?“

„Noch feiern oder schon … Haha, wie der Ikea-Werbespot? Lebst du schon …“

Ines runzelte die Stirn, sie hatte an keine Werbung gedacht. Und wusste nicht, wie man nicht ‚schon leben‘ könnte, man lebte doch immer. Aber solange es Thümmler amüsierte. Die lockere Stimmung mit dem Kollegen half auch ihr, diese Weinfestpflicht besser zu überstehen.

Je näher sie kamen, desto härter mussten sie sich jeden Schritt vorwärts erkämpfen.

Zwei junge Männer standen sich gegenüber, die geschwollene Brust wie aufgestachelte Hähne nach vorne gestreckt, die Fäuste geballt. Noch einige Momente und sie würden damit beginnen, sich zu umkreisen. Wobei dafür nicht genug Platz war in der Menschenmenge. Das machte aber eine beginnende Schlägerei nur noch gefährlicher.

Ines seufzte. Testosteron und Alkohol, die explosivste aller Mischungen. Sie stellte sich direkt neben die Kampfhähne.

„Was ist hier los?“, rief sie in die Menge, die johlte und grölte und die beiden anstachelte. Doch niemand hörte sie in dem Lärm. Sie schaute sich fragend zu Thümmler um. Der zuckte mit den Achseln.

Da steckte Ines zwei Finger in den Mund und pfiff, so laut sie konnte. Und das war verdammt laut. Nicht nur die Streithähne und das auf die Schlägerei wartende Publikum hörten auf zu johlen. Auf einmal war es in einem weiten Kreis um sie herum sehr still. Als hätte man für das gesamten Weinfest die Pausetaste gedrückt.

Ines drehte sich im Kreis. Die Würzburger Weingesellschaft blickte sie an, fragend, erstaunt, zum Teil entrückt. Manche schienen zu verstehen, was los war, als sie auf den uniformierten Thümmler blickten. Die meisten schienen nicht mehr so weit denken zu können.

„Meine Damen und Herren, lassen Sie sich nicht stören. Weiterfeiern, es gibt nichts zu sehen“, rief sie. Doch es blieb leise, nur einige Wagemutige flüstern miteinander. Ines wandte sich den Kampfhähnen zu.

„Also, noch einmal: Was ist hier los?“

Nun, als sie die beiden in Ruhe mustern konnte, verstand sie, wie ungleich ein Kampf gewesen wäre. Einer der beiden war mindestens einen Kopf größer als Ines, muskelbepackt und die Fäuste in Boxhaltung angehoben. Scheinbar kampferfahren. Sein Gegner war nicht nur kleiner als Ines, Muskeln konnte sie nur erahnen. Sein Körper war in Verteidigungshaltung erstarrt, die Schultern nach oben gezogen, der Kopf zur Seite gedrängt und gesenkt. Seine Angst sprach auch aus seiner Miene. Um ihn zu beruhigen, stellte sich Ines zwischen die beiden, direkt vor den stärkeren Angreifer. Sie fixierte ihn ruhig.

„Ich wiederhole mich ungern: Was ist hier los?“

Noch wollte der große Kämpfer, dessen Polohemd schon komplett durchgeschwitzt und dessen sorgfältig gestylte Frisur jede Form verloren hatte, seinen Angriff nicht ganz aufgeben. Er verlegte sich auf trotziges Anbellen.

„Der da hat meine Süße betatscht!“, rief er entrüstet.

Ines schaute sich um, ob sie eine ‚Süße‘ im Publikum entdeckte und sah eine junge Frau in einem hellen Maxikleid mit langen blonden Wellen und blassem Gesicht, die sorgenvoll in ihre Richtung blickte. Der Rest des Publikums hatte sich zerstreut und widmete sich wieder dem Wein.

Ines schaute die junge Frau fragend an.

„Hat der Mann sie gegen ihren Willen angefasst, ist das richtig?“, fragte sie.

Bevor die Frau antworten konnte, ging der andere Mann dazwischen, bestimmt und wütend.

„Nein! Das würde ich nie tun. Hören Sie, das müssen Sie mir glauben – so bin ich wirklich nicht. Sie hat mich angebaggert und zwar schon seit Wochen. Vorhin ist sie zu mir gekommen und hat sich mir an den Hals geworfen. Ich habe nur nicht schnell genug reagiert!“ Er redete schnell, als befürchtete er, jemand könnte ihn unterbrechen, bevor er seinen Standpunkt vorgetragen hatte. Sein Blick war fest auf Ines gerichtet.

Hinter sich hörte Ines Thümmler leise kichern. Ohne sich umzudrehen, streckte sie ihre Hand nach hinten in einer abwehrenden Geste. Er hörte sofort auf.

Ines blickte zwischen den beiden hin und her. Sie glaubte dem schmächtigen Mann, nicht zuletzt, weil die junge Frau inzwischen schuldbewusst auf den Boden blickte. Doch den Konflikt würden sie hier und jetzt nicht auflösen können, geschweige denn, eine der beiden Behauptungen beweisen.

„Möchte eine Partei Anzeige erstatten?“, fragte sie möglichst neutral, wobei sie bewusst den Blick der Frau einfing. Sie sollte wissen, dass sie Anzeige erstatten konnte, wenn sie wirklich ‚betatscht‘ worden war. Zugleich wollte Ines, dass sie für den anderen Fall verstand, dass auch Männer das Recht auf eine Anzeige hatten.

Alle Beteiligten schüttelten den Kopf. Ines bemerkte, dass der stärkere Mann immer noch die Fäuste geballt hatte. Das Risiko war ihr zu groß. Sie winkte die Frau heran und blickte dem Angreifer fest in die Augen.

„Alles klar. Sie beide kommen mit uns mit, wir begleiten Sie nach draußen.“

Ines drehte sich um und lief los, ohne sich umzusehen. Die zwei und Thümmler würden folgen, da war sie sicher. Leider lief sie wieder gegen die Wand einer nur langsam vorwärts wabernden Menschenmenge, sodass die Wirkung ihres Abgangs direkt verflog. Aber einige Zuschauer der Szene gingen Ines aus dem Weg und sie kam ein wenig schneller voran.

Um wie viel Uhr endeten eigentlich diese Weinfeste?

Nach viel zu langen Minuten erreichten sie einen Ausgang.

„Der Herr und die Dame entfernen sich freiwillig?“, fragte Ines ihre ‚Kunden‘. Die Frau nickte eifrig und zog den Mann hinter sich her, über den großen Platz vor der Residenz davon. Ines atmete durch, endlich ohne die erdrückende Menschenmenge um sich herum.

Thümmler holte auf und grinste. „Sie war übergriffig“, warf er kichernd ein.

„Sie amüsieren sich aber nicht gerade über eine sexuelle Nötigung?“, fragte Ines ruhig.

„Nein, natürlich nicht“, antwortete Thümmler entrüstet.

„Gut. Der Mann fand das nämlich auch nicht amüsant.“

Thümmler hob besänftigend die Arme und Ines überlegte, ob sie den jungen Mann noch weiter verteidigen musste. Die Entscheidung wurde ihr zum Glück vom Klingeln ihres Mobiltelefons abgenommen.

„Frank?“, meldete sie sich knapp.

„Ja, hallo. Hier ist die Wache. Ist da Kommissarin Frank?“

Ines schluckte eine spitze Antwort herunter und bejahte.

„Ist Thümmler bei Ihnen?“

Auch das bejahte sie.

„Der Chef hat gesagt, ich soll Sie anrufen, weil doch alle anderen beim Weinfest gebraucht werden und Sie bestimmt froh sind …“ Der neue Chef verfügte über gute Menschenkenntnis, stellte Ines fest.

„Ja, was gibt es denn? Egal was, er hat völlig recht, ich würde mich freuen“, antwortete Ines euphorisch.

„Da ist jemand verschwunden. Also weg. Seit gestern, ein erwachsener Mann. Eigentlich ja nicht gleich was für uns, gell? Vor allem um diese Uhrzeit. Aber da kennt wohl jemand den Chef vom Chef oder den Chef vom Chef vom Chef. Und es gab wohl böse Briefe.“ Die junge Polizeianwärterin der Vermittlung neigte zum Plaudern.

„Also, verschwunden? Und was sollen wir machen?“

„Na mal hinfahren. Sein Auto ist wohl bei einer Seminarhütte, weil er ist ja Professor bei uns an der Uni. Ein echter Professor, was sagt man da. Vielleicht hat er sich verlaufen, die sind doch immer so verwirrt oder? Also ich schick dann mal die Koordinaten, das ist mitten im Wald, im Gramschatzer, der ist ja riesig, das findet man sonst nicht, meinten die. Und da ist auch schon ein Mitarbeiter, der hat das Auto gefunden, aber sonst nichts. Nicht, dass dem was im Wald passiert ist, dem Professor.“

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